Wer den Namen Faust hört, denkt an Goethe, an Marlowe, an die Grundidee eines Paktes mit dem Teufel. Was dabei oft verloren geht: Hinter der Legende stand ein realer Mensch, und der reale Mensch war auf seine Weise mindestens so faszinierend wie die Dichtung.
Der historische Johann Georg Faust hinterließ zwischen etwa 1507 und 1540 eine Aktenspur quer durch Süddeutschland. Ein Abt schmähte ihn, ein Bischof bezahlte ihn, mindestens zwei Städte wiesen ihn aus, eine dritte verweigerte ihm den Zutritt, und er starb in etwas, das eine alchemistische Explosion gewesen sein dürfte, in einem kleinen Schwarzwaldstädtchen. Die Quellen, die ihn dokumentieren, sind verstreut, widersprüchlich und tief gefärbt von den Meinungen der Schreibenden. Aber es sind echte Quellen: Briefe, Stadtakten, Rechnungsbücher, Gerichtsprotokolle. Genug, um den Umriss eines Lebens zu rekonstruieren, das bereits Legenden hervorbrachte, bevor der Mann überhaupt tot war.
Die Aktenspur
Das erste klare Dokument stammt vom 20. August 1507. Johannes Trithemius, Abt von Sponheim und einer der gelehrtesten Männer Deutschlands, schrieb an den Hofastrologen Johannes Virdung von Hasfurt, um ihn vor einem Mann zu warnen, dem er begegnet war. Dieser Mann nannte sich „Magister Georgius Sabellicus, Faustus iunior, fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, agromanticus, pyromanticus, in hydromantia secundus." Dazu beanspruchte er den Titel „Philosophus Philosophorum." Trithemius war nicht beeindruckt. Er nannte ihn fatuum non philosophum: einen Narren, keinen Philosophen.
Der Brief, aufbewahrt in der Vatikanischen Bibliothek, liefert die früheste Beschreibung von Fausts Charakter: ein Prahler mit einem Talent für blasphemische Großsprecherei. Trithemius berichtete, dass Faust in Würzburg behauptet hatte, alle Wunder Christi nachvollziehen zu können. In Gelnhausen floh Faust aus einem Wirtshaus, als er erfuhr, dass Trithemius selbst in der Nähe war. Der Abt behauptete auch, Faust habe durch den Ritter Franz von Sickingen eine Schullehrerstelle in Kreuznach erhalten, sie dann aber wegen Sodomieanschuldigungen mit Schülern wieder verlassen müssen.
Sechs Jahre später vermerkte der Erfurter Humanist Conrad Mutianus Rufus eine Begegnung mit einem Handliniendeuter in einem Erfurter Wirtshaus am 7. Oktober 1513. Der Mann nannte sich „Georgius Faustus, Helmitheus Heidelbergensis", der „Halbgott von Heidelberg", ein latinisierter Titel von hemitheus. Mutianus tat ihn als „Prahler und Schwätzer" (blatero et baratron) ab, der nur Unwissende durch Chiromantie beeindrucke. Doch die Begegnung bestätigt: Faust war immer noch aktiv, nutzte immer noch den Namen und zog immer noch Aufmerksamkeit auf sich.
Zwischen diesen Berichten und seinem Tod um 1540 setzt sich die Dokumentation in unregelmäßigen Abständen fort. Am 23. Februar 1520 verzeichnet das Rechnungsbuch von Fürstbischof Georg III. Schenk von Limpurg in Bamberg eine Zahlung von zehn Gulden an „Doctor Faustus" für die Erstellung eines Horoskops. Dies ist die einzige erhaltene Quittung einer Faust-Transaktion, und sie ist bedeutsam: Zehn Gulden waren eine beachtliche Summe, und der Auftraggeber gehörte zu den höchsten kirchlichen Autoritäten der Region. Was auch immer Faust sonst war: Er hatte Klientel an der Spitze.
Am 27. Juni 1528 verfügte die Stadt Ingolstadt die Ausweisung des „Doctor Jorg Faustus von Haidlberg." An einem undatierten Tag im Jahr 1532 verweigerte ihm der Nürnberger Stadtrat das Geleit, wobei der Unterbürgermeister ihn als „Doctor Faustus, den großen Sodomiten und Nekromanten" bezeichnete. Die Sodomieanschuldigung knüpft an Trithemius von fünfundzwanzig Jahren zuvor an, was entweder auf ein beharrliches Gerücht oder ein beharrliches Verhalten hindeutet.
1539 veröffentlichte der Wormser Arzt Philipp Begardi seinen Index Sanitatis, in dem er Faust beschrieb, wie er durch „fast alle Lande, Fürstentümer und Königreiche" gezogen sei und mit medizinischem Können, Chiromantie, Nekromantie, Physiognomie und Kristallschau geprahlt habe. Begardis Urteil ist bemerkenswert ambivalent: Er berichtete, dass die Zahl derer, die sich betrogen fühlten, „sehr groß" gewesen sei, doch manche Lesarten des Textes deuten an, dass er auch echtes medizinisches Wissen anerkannte.
Wer war er wirklich?
Die Quellen zeichnen trotz ihrer Widersprüche ein konsistentes Porträt. Faust war ein fahrender Praktiker, der ein Paket von Diensten anbot: Astrologie (seine am beständigsten dokumentierte Fähigkeit), Chiromantie (Handlesekunst, erwähnt bei Trithemius, Mutianus und Begardi), Medizin und Alchemie. Er reiste pausenlos durch Süddeutschland, zwischen Universitäten, Höfen, Wirtshäusern und Märkten.
Das wohlwollendste Urteil stammt vom Humanisten Joachim Camerarius, der Faust 1536 einen „anständigen Astrologen" nannte. Das ist bedeutsam, weil Camerarius selbst ein ernsthafter Gelehrter war, der 1535 Ptolemäus’ Tetrabiblos herausgegeben hatte. Sein fachliches Urteil hatte Gewicht.
Die Identitätsfrage bleibt ungelöst. Faust benutzte mindestens drei verschiedene Namen: Georgius Sabellicus (1507), Georgius Faustus Helmitheus (1513) und Doctor Jorg Faustus von Haidlberg (1528). Der Forscher Frank Baron identifizierte einen Georgius Helmstetter in den Heidelberger Universitätsregistern, immatrikuliert am 9. Januar 1483, Baccalaureus am 12. Juli 1484 und Magister artium am 1. März 1487. Wenn dies der historische Faust ist, läge sein Geburtsjahr um 1466, und er wäre tatsächlich universitär gebildet gewesen, nicht der autodidaktische Scharlatan, als den seine Feinde ihn darstellten.
Philipp Melanchthon, Luthers enger Mitarbeiter, lieferte die stärkste Verbindung zu Knittlingen. Wie sein Schüler Johannes Manlius 1562 festhielt, sagte Melanchthon: „Ich kannte einen namens Faustus aus Kundling, einem kleinen Ort unweit meiner Heimat", womit er seinen eigenen Geburtsort Bretten meinte, etwa fünf Kilometer von Knittlingen entfernt. Melanchthon fügte hinzu, Faust habe die Zauberei in Krakau erlernt. Ob das Krakau-Detail historisch oder legendär ist, bleibt unklar: Manlius’ Bericht ist, wie Forscher anmerken, „von legendären Elementen durchsetzt."
Die Zwei-Faust-Theorie versucht, die Widersprüche aufzulösen: zwei Vornamen (Georg vs. Johann), zwei mögliche Geburtsjahre (ca. 1466 vs. ca. 1480), zwei Herkünfte (Helmstadt vs. Knittlingen) und eine Wirkungsspanne von über dreißig Jahren. Doch Pseudonyme und Namenswechsel waren unter fahrenden Gelehrten der Zeit üblich, und das konsistente Persönlichkeitsprofil über alle Berichte hinweg, die Prahlerei, die Blasphemie, die Chiromantie, der Ärger, deutet überzeugender auf eine einzelne Person hin.
Drei Zeitgenossen, drei Schicksale
Faust wirkte nicht im luftleeren Raum. Er war einer von drei fast exakten Zeitgenossen, die im frühen sechzehnten Jahrhundert in Deutschland Kombinationen aus Astrologie, Alchemie und Medizin praktizierten, und die Unterschiede in ihren Nachleben sind ebenso aufschlussreich wie die Gemeinsamkeiten.
Agrippa von Nettesheim (1486-1535) verfasste De Occulta Philosophia, die einflussreichste Abhandlung über Magie in der Renaissance. Er bewegte sich in derselben intellektuellen Welt wie Faust und war durch denselben Türhüter verbunden: Johannes Trithemius. 1510 besuchte Agrippa Trithemius und erhielt Ermutigung für seine magische Philosophie. Drei Jahre zuvor hatte Trithemius Faust verurteilt. Der Unterschied lag in den Qualifikationen: Agrippa war ein Hofgelehrter mit Titeln und Patronen. Faust war ein Wirtshausdarsteller mit großen Worten. Anthony Graftons Magus: The Art of Magic from Faustus to Agrippa (Harvard University Press, 2023) argumentiert, beide verkörperten den „Magus" als eigenen intellektuellen Typus der Renaissance.
Paracelsus (1493-1541) starb im selben Jahr wie Faust. Die Parallelen sind frappierend: beide fahrend, beide aus Städten vertrieben, beide in Medizin und Alchemie tätig, beide konfrontativ. Sie durchreisten zur gleichen Zeit dieselben süddeutschen Gebiete. Es ist kein Beweis erhalten, dass sie sich je begegneten, doch der Sammelband The Faustian Century (Camden House, 2013) widmet ihrer Konvergenz ein ganzes Kapitel. Der entscheidende Unterschied: Paracelsus erbrachte echte medizinische Innovationen, die posthum rehabilitiert wurden. Faust erzeugte nur Legende.
Die entscheidende Grenzlinie jener Zeit verlief zwischen magia naturalis (natürlicher Magie, als legitime Gelehrtenarbeit angesehen) und goetia oder Nekromantie (dämonischer Magie, universell verurteilt). Agrippa bestand darauf, dass seine Magie natürlich und philosophisch sei. Paracelsus gründete die seine auf medizinischen Empirismus. Faust stellte sich mit dem Titel „fons necromanticorum" (Quelle der Nekromanten) bewusst auf die falsche Seite dieser Linie. Ob dies echte Überzeugung, Marketingstrategie oder schlichte Rücksichtslosigkeit war, verraten die Quellen nicht.
Tod im Schwarzwald
Das Ende kam in Staufen im Breisgau, einer kleinen Stadt am Fuß des Schwarzwaldes. Die Primärquelle ist die Zimmerische Chronik (ca. 1565), verfasst von den Grafen von Zimmern, die verwandtschaftliche Verbindungen zu den Herren von Staufen hatten. Laut der Chronik lud Baron Anton von Staufen, dessen Silberminen erschöpft waren, Faust ein, durch Alchemie Gold herzustellen. Faust arbeitete im Gasthaus zum Löwen.
Die Chronik datiert den Tod auf etwa 1539-1541 und schreibt ihn dem „höchsten Teufel namens Mephistopheles" zu, der ihm „den Hals gebrochen" habe. Die Leiche wurde „übel zugerichtet" aufgefunden. Johannes Gast, ein Basler Pfarrer, der behauptete, Faust persönlich gekannt zu haben, ergänzte in seinen Sermones Convivales (1548), dass der Tote „sein Gesicht immer wieder zur Erde drehen wollte, obwohl der Leichnam mehrmals auf den Rücken gelegt wurde." Melanchthon beschrieb in einer Predigt von 1555 „unnatürliche Schreie und Gepolter", bevor der Leichnam mit dem Gesicht „gegen den Rücken verdreht" aufgefunden worden sei.
Streift man den dämonischen Überbau ab, bleibt ein Befund, der mit einem alchemistischen Unfall vereinbar ist. Quecksilber, Schwefel und andere flüchtige Substanzen gehörten zur Standardausrüstung des Alchemisten. Eine Explosion, die den Körper verkrümmte und das Gesicht entstellte, ist chemisch plausibel. Die Deutung der Stadt, der Teufel habe seine Schuld eingefordert, war die erwartbare Lesart in einer Kultur, die von Reformationsängsten vor dämonischer Macht durchdrungen war.
Das Gasthaus zum Löwen steht noch immer am Marktplatz von Staufen. Zimmer 5 ist die „Fauststube." Das Fassadengemälde, das zeigt, wie Mephistopheles Faust davonschleppt, malte Franz Schilling 1909, fast vier Jahrhunderte nach dem Ereignis, an das es erinnert. Die Legende ist zur Identität der Stadt geworden, so vollständig, dass eine Trennung des Historischen vom Dekorativen nicht mehr ganz möglich ist.
Vom Gerücht zum Bestseller
Ein halbes Jahrhundert lang nach Fausts Tod kursierte seine Geschichte als Gerücht, Wirtshausgerede und verstreute Anekdoten. Dann, im September 1587, veröffentlichte der Frankfurter Drucker Johann Spies die Historia von D. Johann Fausten, und alles änderte sich.
Die anonyme Flugschrift bündelte zwanzig bis dreißig Jahre mündlicher und schriftlicher Bruchstücke in eine geschlossene Erzählung von siebenundsechzig kurzen Kapiteln, gegliedert in drei Teile: den Frageteil (Fausts kosmologische Fragen an Mephistopheles), den Reiseteil (seine magischen Reisen) und den Schwankteil (seine Streiche und Scherze). Das Vorwort ist schwere Warnliteratur, mit Verweis auf Johannes 8,44 und Offenbarung 21,8, um das gesamte Werk als mahnendes Beispiel zu rahmen, was geschieht, wenn ein Mensch seine Seele gegen Wissen eintauscht.
Das Buch führte den Namen Mephistopheles ein, dessen Etymologie bis heute ungeklärt ist: Griechisch („kein Freund des Lichts"), Hebräisch (mephitz „Zerstörer" + tophel „Lügner") und lateinisch-griechische Mischtheorien haben jeweils wissenschaftliche Befürworter. Was auch immer der Ursprung, der Name blieb.
Das Faustbuch wurde sofort zur Sensation. Zweiundzwanzig Auflagen erschienen bis 1600. Ein Wolfenbütteler Manuskript (ca. 1580-1587), mit nur vierundvierzig Kapiteln und weniger religiösem Kommentar, gilt als näher am Originaltext; Spies fügte für sein lutherisches Verlagshaus eine schwere theologische Rahmung hinzu. Erweiterte Ausgaben folgten: Widmann (1599, stark christianisiert), Pfitzer (1674) und die „Christlich Meynende"-Fassung von 1725, die ein junger Goethe später lesen sollte.
1592 erschien die englische Übersetzung des anonymen „P.F., Gent." in London als The Historie of the Damnable Life, and Deserved Death of Doctor Iohn Faustus. Innerhalb weniger Monate hatte Christopher Marlowe daraus The Tragical History of the Life and Death of Doctor Faustus geschaffen, eines der großen Stücke der elisabethanischen Bühne. Marlowes Innovation war die psychologische Innenwelt: Wo die Flugschrift Episoden und Moral bot, gab Marlowe Faust einen Geist. Der Eröffnungsmonolog, der alles menschliche Wissen verwirft, die Helena-Rede und der Schlussmonolog mit seinem verzweifelten Ruf „O lente, lente currite noctis equi!" (umfunktioniert aus Ovids Amores) gehören zum bleibenden Bestand der englischen Dramenliteratur.
Das lange Nachleben
Als die Druckerpresse einmal einen wandernden Astrologen in eine literarische Figur verwandelt hatte, hörten die Verwandlungen nie auf.
Deutsche Wanderschauspieler und Puppentheater hielten die Geschichte im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als Volksunterhaltung lebendig. Die komische Figur des Kasperle (oder Hanswurst), der als Fausts Schatten und Doppelgänger diente und dessen Beschwörungen mit Slapstick nachahmte, wurde zum Liebling des Publikums. Goethe sah als Kind auf Frankfurter Messen Faust-Puppenspiele und erneut in Straßburg mit etwa zwanzig Jahren. Seine Großmutter hatte den Kindern zu Weihnachten ein Puppentheater geschenkt, und die Faust-Geschichte wurde früh Teil seiner Vorstellungswelt. Das Erlebnis, beschrieben in Dichtung und Wahrheit, blieb ihm.
Gotthold Ephraim Lessing plante 1759 ein Faust-Drama, das nie vollendet wurde. Seine erhaltenen Fragmente enthalten die entscheidende intellektuelle Wende: Für Lessing, den Aufklärungsdenker, ist das Streben nach Wissen edel, nicht sündhaft. Sein geplantes Ende versöhnte Faust mit Gott. Das verlorene Manuskript bildet die entscheidende Brücke zwischen der moralisierenden Flugschrifttradition und dem, was Goethe daraus bauen sollte.
Goethe arbeitete etwa sechzig Jahre am Faust, von den frühesten Urfaust-Skizzen um 1771 bis zum versiegelten Manuskript des Zweiten Teils, fertiggestellt kurz vor seinem Tod 1832. Die Verwandlung des Quellmaterials war total. Der Pakt wurde zur Wette: Faust wettet mit Mephistopheles, dass er nie einen einzigen Moment finden wird, der so erfüllend ist, dass er ihn festhalten möchte. („Verweile doch, du bist so schön!") Die Sünde in Goethes Version ist nicht das Streben nach Wissen. Es ist das Stehenbleiben. Das Aufhören zu streben. Und am Ende wird Faust erlöst, nicht verdammt, weil sein letzter transzendenter Moment aus einem Akt des Strebens selbst entsprang.
Die musikalischen Bearbeitungen häuften sich: Berlioz’ La Damnation de Faust (1846), Gounods Oper Faust (1859, die um 1900 die meistgespielte Oper der Welt war, so populär, dass deutsche Theater sie aus Protest in Margarethe umbenannten), Liszts Faust-Symphonie (1854-1857, in der Mephistopheles keine eigenen Themen hat, sondern nur Verzerrungen von Fausts eigenen) und Boitos Mefistofele (1868, dessen katastrophale fünfstündige Premiere an der Scala durch eine drastisch überarbeitete Fassung in Bologna 1875 gerettet wurde).
Thomas Manns Doktor Faustus (1947) schloss den Kreis. Der Komponist Adrian Leverkühn infiziert sich absichtlich mit Syphilis als faustischen Handel: vierundzwanzig Jahre kompositorischer Genialität im Tausch gegen den Verzicht auf jede menschliche Liebe. Geschrieben im kalifornischen Exil während der letzten Kriegsjahre, fragt der Roman, ob die deutsche Tradition des Strebens über alle Grenzen zwangsläufig in Zerstörung mündet. Die Vierundzwanzig-Jahres-Spanne spiegelt das Faustbuch von 1587. Die lange Geschichte der Alchemie in der Literatur führt direkt durch Faust, von der frühesten Warnung bis zu Manns modernistischer Abrechnung.
Der perfekte Bösewicht der Reformation
Das Erscheinungsdatum des Faustbuchs von 1587 war kein Zufall. Veröffentlicht im lutherischen Frankfurt durch Johann Spies, einen Verleger mit stark theologischem Programm, diente die Flugschrift den Zwecken der Reformation perfekt.
Luther selbst nannte Faust ein „schändliches Tier und Kloake vieler Teufel", überliefert durch Melanchthon und Manlius. Die Tischreden enthalten verwandte Passagen über Zauberer, die vor Kaiser Maximilian auftraten und später in der Volksphantasie mit Faust verbunden wurden. Die Reformation verschärfte die Haltung zur Magie: Deutschland verzeichnete etwa vierzig Prozent aller europäischen Hexenprozesse. Der Malleus Maleficarum war 1487 erschienen, gerade als der historische Faust seine Karriere begann. Die Confessio Augustana von 1530 schuf den theologischen Rahmen, in dem das Faustbuch ausdrücklich geschrieben wurde.
Doch Fausts tatsächliche Lebenszeit (ca. 1480-1541) fiel in eine relativ ruhigere Phase. Der große Hexenwahn kam zwischen 1550 und 1650. Faust navigierte durch eine Welt, in der die Grenze zwischen angesehenem Astrologen und verdächtigem Zauberer dünn, verhandelbar und stark von Patronage abhängig war. Ein Bischof konnte ihm zehn Gulden für ein Horoskop zahlen. Ein Stadtrat konnte ihn als Nekromanten ausweisen. Beides widerfuhr demselben Mann im selben Jahrzehnt.
Diese Mehrdeutigkeit ist es, die die Legende tilgte. Das Faustbuch von 1587 brauchte einen klaren Bösewicht: einen Mann, der das Böse wählte, dafür bestraft wurde und als Warnung für andere diente. Der echte Faust, ein freischaffender Berater, der zwischen Handlesen in Wirtshäusern und Horoskopen für Bischöfe pendelte, war dafür zu vielschichtig. Also vereinfachte die Drucktradition ihn. Sie nahm einen Mann, der zugleich respektabel genug war, um einem Fürstbischof zu dienen, und anrüchig genug, um aus Nürnberg gewiesen zu werden, und presste ihn in eine einzige moralische Kategorie: den verdammten Gelehrten.
Die Ironie ist, dass Goethe die Vereinfachung rückgängig machte. Sein Faust wird gerade deshalb erlöst, weil er nie aufhört zu streben, weil er sich weigert, sich in einer einzigen Kategorie einzurichten. In gewissem Sinne führt Goethes philosophische Rettung Faust näher an den echten Mann heran, der sich ebenfalls weigerte, an einem Ort, in einer Identität oder in einer einzigen Version von Respektabilität zu verharren, als das Moralstück es je tat.



